Bauchentscheidungen

Und du wirst 21, 22, 23
Und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst

Ich hasse es wichtige Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen die das Potential haben das ganze Leben zu verändern. In solchen Situationen wünsche ich mich immer zurück in die Regelschule als das Leben noch ohne richtige Konsequenz verlief. Jeden Tag Schule, die nächsten Ferien freudig erwarten und das war es schon. Alles lief auf Schienen und geregelt. Ironisch das man die Freiheit wünscht und dann überfordert ist wenn diese vor einem liegt und etwas von einem fordert.

Dieser Hass gegenüber Entscheidungen ging schon in der 10. Klasse los. Überall kam die entscheidende Frage auf einen zu: „Was willst du machen?“, „Was willst du lernen?“ oder „Wie soll es weitergehen nach dem Abschluss?“. Puh, fragt mich das doch nicht! 10 Jahre Schienen und lediglich 3 absolvierte Praktika reichen doch nicht um sich festzulegen was man lernen will. Ich kann doch unmöglich mit 15 wissen was ich potentiell den Rest meines Lebens arbeiten möchte. Ich war überfordert. Ich bewarb mich auf gutes Gelingen bei einer Hand voll Firmen. Ein Vorstellungsgespräch später hatte ich dann einen Vertrag in der Hand. „Ist das wirklich das was ich machen will?“ Puh, keine Ahnung. Die anderen Bewerbungen bekamen keine Antworten also blieb es dabei. Drei Jahre später war dann klar das die Lehre zwar durchaus interessant war, aber ich keinesfalls mein Arbeitsleben in der Fertigung verbringen will. Monoton, ohne Hirn vor mich hin Arbeiten war mir nichts. Gut, dann also dem Arbeitgeber und den super Kollegen (zumindest in der letzten Abteilung) den Rücken kehren und Fachabitur machen. Möglichkeit zu studieren. Da wird sich doch was finden lassen was ich wirklich machen will! Immerhin gibt mir das ein Jahr länger Zeit zu überlegen.

Schnitt, Ende der Fachoberschule und kein Stück schlauer als vorher. Die Noten sind super, aber der Abschluss lässt eben nur ein Studium an der FH zu. Luft- und Raumfahrt fand ich schon immer interessant. Nun, Aachen hatte da noch Studiengebühren die ich mir nicht im Ansatz leisten konnte, fällt also weg. Der Rest der lehrenden Hochschulen waren Universitäten. Das Thema hat sich also erledigt. Ich könnte ja Physik in Darmstadt studieren. Aber ich als einfacher Kerl mit FOS Abschluss an der TU? Das wird doch nichts. Lieber auf ein sichereres Pferd setzen. Mal lieber in der Heimat „Physikalische Technik“ studieren. Damit kann man doch viel machen!

Schnitt, Ende des Studiums und kein Stück schlauer als vorher. Die Thematiken waren zwar überwiegend interessant, aber was ich damit anfangen will weiß ich trotzdem nicht. Aber hey, ich kann mich jetzt Bachelor of Science nennen! Klingt schon mal toll. Trotzdem muss da doch noch was gehen. Also auf gutes Gelingen bei einigen Universitäten angefragt ob man nicht mit einem Abschluss einen Master in Luft- und Raumfahrt machen kann. Aachen: „Sie haben einen 180 ECTS Bachelor, wir setzen 210 voraus, keine Chance.“ Stuttgart: „Ich kann Ihnen das auch nicht beantworten, bewerben Sie sich und schauen sie was passiert.“ Na danke denke ich mir, wahnsinnige Hilfe das alles. Dresden antwortete für 2 Monate gar nicht. Doch dann, urplötzlich ein Lebenszeichen: „Wir haben Ihre Unterlagen überprüft und teilen dem Immatrikulationsamt unsere Empfehlung mit Sie zu akzeptieren.“ Jetzt sitze ich im zweiten Semester und studiere Maschinenbau mit Fachrichtung Luft- und Raumfahrttechnik im Diplom. Endlich in der Branche die mich schon vor fast 8 Jahren interessiert hat als ich eine Bewerbung zu EADS schickte.

Und trotzdem stehe ich wieder vor dem Punkt eine Entscheidung treffen zu müssen die ich nicht einwandfrei fällen kann. Was soll ich nun wirklich machen? Luftfahrzeugtechnik und damit Flugzeugbau oder doch Raumfahrttechnik und damit Raketen bauen? Seit Oktober 2015 frage ich mich das und ich bin nach wie vor nicht zufrieden mit meiner Entscheidung. Wie soll ich das auch entscheiden wenn doch beides seine Vor- und Nachteile hat die sich nichts schenken?

Am Ende ist es doch wieder das was schon bei der Ausbildung und der Entscheidung für das erste Studium passiert ist. Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Was daraus wird muss wohl die Zukunft zeigen. Ich hoffe nur ich kann in 20 Jahren zurückblicken mit dem Wissen das ich mich erneut so entscheiden würde. Wenn ich dann „Raketenwissenschaftler“ auf meiner Visitenkarte stehen habe.